Die neue EZB-Chefin Christine Lagarde will einiges anders machen und wird vieles nicht ändern können

Bereits vor ihrem offiziellen Amtsantritt hat Frau Lagarde deutlich gemacht, dass mit ihr ein anderer Stil in der EZB einkehren wird: Sie gab dem französischen Radiosender „RTL“ ein Interview, in dem sie Deutschland und die Niederlande zu mehr Investitionen aufrief. Nicht diese Forderung an sich, sondern das Medium, dessen sie sich bediente, war hierbei bemerkenswert. Bei ihrem Vorgänger Mario Draghi war es eine Ausnahme, dass er den Tagesthemen einmal ein Interview gab – ansonsten hat er sich {wie alle anderen Notenbanker vor ihm} kaum in Radio oder Fernsehen geäußert. Vielmehr hat er sich bei seinen Ansprachen darauf konzentriert, die Finanzmärkte, Anleihehändler, Analysten und Ökonomen anzusprechen. In seinen Augen konnte die Unabhängigkeit der EZB nur gewährleistet werden, wenn eine klare Grenzlinie zur Politik gezogen wird. Lagarde hingegen sagte kürzlich dem Spiegel: „Ich betrachte es als eine meiner vordringlichen Aufgaben, den Euro sowie die Zentralbank und ihre Geldpolitik einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen“. Sie hatte bereits als Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin keine Scheu, sich klar auszudrücken und politische Inhalte auf klare Formeln zu bringen. Außerdem sagt man, sie habe – im Gegensatz zu Mario Draghi – die Fähigkeit, auf andere Leute zuzugehen. Diese Fähigkeit wird sie brauchen, denn der Beschluss zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik im September hat dazu beigetragen, den EZB-Rat tief zu spalten. Mehrere Ratsmitglieder kritisierten die Entscheidung öffentlich. Lagardes Aufgabe wird es daher sein, den Rat wieder zu einen, ohne aber seine Handlungsfähigkeit zu gefährden. An ihrer Intelligenz und Disziplin wird dies nicht scheitern – führte sie doch als erste Frau lange den Internationalen Währungsfond und kam mit den so unterschiedlichen Präsidenten Barack Obama und Donald Trump zurecht. Eines wird sich jedoch auch unter ihrer Leitung der EZB in absehbarer Zeit nicht ändern: das niedrige Zinsniveau.  

Das könnte Sie auch interessieren

Anlagestrategien inmitten globaler Krisen – Wege durch die Unsicherheit

Der Blick auf die letzten Monate zeigt: Eine Anlagestrategie sollte nicht nur auf ein einziges...

Flossbach von Storch Quartalssplitter II/2026: Bert Flossbach: „Eine Anlagestrategie auf Krieg aufzubauen, ist schwierig“

Wie investiert man in unsicheren Zeiten? Bert Flossbach erklärt im Gespräch mit Kapitalmarktstratege Thomas Lehr,...

Flossbach von Storch ONE – Anlagegedanken: „Diversifikation ist Trumpf“

An dieser Stelle möchten wir Ihnen eine Einschätzung unseres Partners Flossbach von Storch ONE zur...

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie wertvolle Informationen.

*Pflichtfeld